Martin Schläpfer ist Leiter Direktion Wirtschaftspolitik des Migros-Genossenschafts-Bunds. Oder kürzer: Cheflobbyist der Migros. Im Interview mit Nachbern.ch erzählt der Ex-Journalist, wie er mit Parlamentariern und Journalisten umgeht und was er von Volksvertretern denkt, die hauptamtlich Lobbyisten sind.

Ich treffe Schläpfer an einem Vortrag für eine aus Luzern angereiste Klasse der Kantonsschule Rämibühl in einem Seminarraum am Bärenplatz in Bern.

Zwei «I» habe jeder Politiker, erzählt Schläpfer den Kantonsschülern: 1. Die Ideologie und 2. Die Interessen. Doch was auch immer die Parlamentarier denken und erreichen wollen: Um wieder gewählt zu werden, so Schläpfer, müssen sie etwas machen für die Lobbys. Denn tun sie nichts für die Lobbys, können sie auch nicht mit einer finanziellen Unterstützung rechnen.

Im Dezember warte viel Arbeit auf ihn, denn zunächst mal wolle er den Parlamentarieren persönlich zur Wahl gratulieren. Und dann müsse er die Neugewählten kennenlernen, schliesslich erneuere sich das Parlament alle zwölf Jahre komplett, da verliere man rasch den Anschluss, wenn man nicht aufpasse. Sehr wichtig für einen Lobbyisten sei es zudem, die Namen der Parlamentarier präsent zu haben – es schmeichle eben, bekannt zu sein. Als Lobbyist müsse man immer Zeit haben, einen Kaffee trinken zu gehen. Er sei in der letzten Sessionswoche auch jeden Abend an einem Essen, denn dort erfahre er regelmässig Informelles.

Nach dem Vortrag stelle ich noch ein paar Fragen.

Die rein intellektuelle Herangehensweise sei nicht passend, sagen Sie. Wie gehen Sie vor? Was macht Sie zu einem guten Lobbyisten?
Der Mensch nicht nur kopfgesteuert, er hat auch eine emotionale Seite und ist ein soziales Wesen. Dass man kommuniziert am Arbeitsplatz, ist doch ganz normal. Niemand geht ins Büro und arbeitet nur streng nach Vorschrift an seinem Computer. Nein, man sucht Anknüpfungspunkte: Man freut sich, wenn man jemand mal wieder sieht, wenn man über Fragen reden kann, die einen verbinden.
Ein Grundfehler, den man machen kann als Lobbyist, ist es, allzu direkt und fordernd auf die Leute zuzugehen. Man muss im Gegenteil gar nicht immer über das Thema diskutieren. Viele Parlamentarier schätzen es auch, wenn ich ihnen mal helfe, wenn sie einen Rat brauchen oder bei der Einschätzung einer Frage.

Die Parlamentarier kommen also auf Sie zu?
Ja, einige bitten mich darum, dass ich ihnen private Kontakte verschaffe. Ich erhalte auch regelmässig Anfragen von Parlamentariern, die darum bitten, ich solle etwas schreiben für sie. Einigen kann man dann ein paar Stichworte liefern und sie tragen das frei vor. Andere fordern ein fixfertiges Manuskript, das sie dann im Rat verlesen.

Was sagen Sie zu Parlamentariern wie Lorenz Hess (BDP), die beruflich Lobbyisten sind?
Es ist eine neue Erscheinung. Diese Leute haben den Vorteil, dass sie in den Kommissionen mit dabei sind – auch wenn sie sehr gut aufpassen müssen, das Kommissionsgeheimnis nicht zu verletzen. Sie sind mit dabei an den Fraktionssitzungen, an den Parteiversammlungen und sie verfügen über einen Bundesrat. Das heisst, sie haben ein sehr viel engeres Verhältnis zum Machtapparat als die Lobbyisten ohne Mandat. Es besteht allerdings die Gefahr, dass sie mit ihren Mandaten ins Schleudern geraten. Die Frage ist: wen vertreten diese Personen wirklich? Und legen sie offen, wen sie vertreten?

Wie viele der 246 Parlamentarier sind de facto Lobbyisten, geschätzt?
Die meisten haben schon irgendwelche Verbandsverbindungen. Aber jeder Fall ist einzeln zu bewerten. Werner Luginbühl (BDP) ist Leiter Public Affairs der Mobiliar. Alex Kuprecht (SVP) ist Relation Manager für die Basler Versicherungen. Eric Nussbaumer (SP) ist Leiter Kommunikation bei Swisspower. Gregor A. Rutz (SVP) ist Inhaber einer Kommunikationsagentur. Christa Markwalder (FDP) ist Juristin bei den Zurich Versicherungen. Heute ist es schwierig, als Parlamentarier vollumfänglich operativ tätig zu sein in einem Job. Deshalb haben viele Parlamentarier solche Posten.

Haben Sie sich auch schon überlegt, als Parlamentarier zu kandidieren?
Ich habe mal mit 21 Jahren erfolglos in Schaffhausen kandidiert. Heute aber bin ich ganz klar der Ansicht, es sei besser, nicht im Parlament zu sein.

Gibt es Parteien, die der Migros besonders nahe stehen?
Wir haben mal eine interne Auswertung gemacht. Da kam heraus, dass die liberalen Parteien, also die GLP und die FDP, den Migros-Positionen am nächsten sind.

Die Migros ist kaum je negativ in den Schlagzeilen – ist das auch ihr Verdienst?
Ich versuche, Schaden von der Migros abzuwenden. Es gibt schon auch mal negative Schlagzeilen, wenn wir Waren zurückziehen müssen beispielsweise.

Sie sind 30 Jahre in Bern, zunächst als Journalist und nun seit zwölf Jahren als Lobbyist. Wie hat sich ihr Bild der Lage verändert in der Zeit?
Ich habe zu Beginn noch ein Papierarchiv geführt! Die neuen Medien haben in den letzten Jahrzehnten schon sehr viel geändert. Die Leute kommunizieren heute zwar offener als früher, doch wirtschaftlich ist es für den Journalismus schwieriger geworden.

Gehen Sie auch direkt auf Journalisten zu?
Ich gehe kaum aktiv auf Journalisten zu. Wenn mich jemand kontaktiert, erzähle ich aber schon mal eine Geschichte. Aktiv einen Primeur in eine Zeitung zu setzen, kann mithelfen, die Dinge in Bewegung zu setzen.

Ist nicht auch die Migros so ein wichtiger Werbekunde der Printmedien, dass kaum je ein Medium über die Migros schlecht schreibt?
Ich bin nicht Kommunikationschef der Migros und das Inseratebudget interessiert mich persönlich nicht. Ich glaube, die Migros hat gegenüber der Kritik ein entspanntes Verhältnis und ist auch nicht nachtragend.

Wurden Sie schon mal übertölpelt bei einem Entscheid im Parlament?
Eigentlich noch nie, ich bin eher pessimistisch und vorsichtig. Es gibt Lobbyisten, die starken Druck auf Parlamentarier ausüben, zum Beispiel SMS verschicken direkt vor den Abstimmungen oder versuchen, mit allen Mitteln eine Zusicherung zu erhalten. Das ist eher nicht mein Stil.

Das Gespräch mit Martin Schläpfer wurde am 23. September 2015 in Bern geführt. Foto: Pressefoto Migros-Genossenschafts-Bund.

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